Maikel Nabil Sanad

16 February 2011

TAZ: Ich bin in Gefahr

 
16.02.2011
Dossier Arabische Revolution
"Ich bin in Gefahr"
Das Militär muss unter Druck gesetzt werden, glaubt der Pro-Israel-Aktivist und einzige Kriegsdienstverweigerer Ägyptens, Maikel Nabil Sanad. Er selbst wurde bereits verprügelt. 

"Die Zukunft wird zeigen, ob das Militär ein Freund ist." Maikel Nabil Sanad ist misstrauisch gegenüber den neuen Machthabern in Ägypten. Foto: dpa
 
taz: Herr Sanad, vertrauen Sie als Kriegsdienstverweigerer dem Versprechen des Militärs, den Übergang zu einer Demokratie zu gewährleisten?
Maikel Nabil Sanad: Das Militär hat in den letzten Tagen viele unserer Forderungen erfüllt und uns respektiert. Es gibt derzeit also für uns keinen Grund, gegen die Armee zu sein. Die Zukunft wird zeigen, ob es ein Freund ist.
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Sie zweifeln daran?
Ja. Denn die Armee hat zwar nicht auf die Demonstranten geschossen, aber sie hat ab dem 31. Januar versucht, die Demonstrationen zu beenden, und Leute verhaftet. Auch ich wurde von Soldaten festgenommen, die mich in die Geheimdienstzentrale brachten, wo ich verprügelt und sexuell genötigt wurde. Außerdem hat das Militär die Mubarak-Unterstützer nicht davon abgehalten, die Demonstranten anzugreifen, aber Leute daran gehindert, Medikamente und Essen auf den Tahrir-Platz zu bringen. Man kann die Beziehung zwischen der Armee und den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz also nicht gerade eine freundliche nennen. 

Als bekannt wurde, dass Verteidigungsminister Hussein Mohammed Tantawi die Regierungsgeschäfte übernimmt, haben Sie in Ihrem Blog geschrieben: "Ich bin ein toter Mann." Haben Sie Angst vor Repressionen?
Ja, alle Aktivisten, die die Militärregierung ablehnen, sind in Gefahr. Aber ich stehe da wohl ziemlich weit oben, weil ich den Militärdienst verweigert habe. Ich war zwar nur einen Tag in Haft, aber schon am Tag nach meiner Entlassung wurde meinem Vater gekündigt. Meine Eltern erhalten ständig Anrufe von der Polizei und dem Geheimdienst. Wenn die Demonstration weitergehen, wird das schlimmer werden. 

Werden die Leute denn weitermachen?
Ja, wir werden am Freitag wieder eine Demonstration organisieren, die Revolution geht immer noch weiter. Aber wir brauchen keinen Kampf mit der Armee, und viele Leute wollen der Armee eine Chance geben, bevor sie weiterdemonstrieren. 

Was wird Ihre Gruppe "Nein zum Militärdienst" jetzt tun?
Wir werden in den nächsten Monaten versuchen, den Druck auf die Armee zu verstärken, damit sie so schnell wie möglich in die Kasernen zurückgeht. 

Sieht die Mehrheit der jungen Leute Ägyptens Zukunft ohne Militär?
Umringt von Iran, Israel, der Hisbollah und dem Sudan, wird die Abschaffung des ägyptischen Militärs in nächster Zukunft wohl kaum durchzusetzen sein. Aber die Mehrheit der Leute will, dass die Armee sich allein darum kümmert, die Einwohner des Landes zu beschützen. 

Vor wem? Vor Israel?
Ich sage offen, auch auf meiner Homepage, dass ich ein proisraelischer Aktivist bin. Mubarak hingegen war nie ein Freund Israels, er hat Israel gebraucht, um an der Macht zu bleiben. Wie kann Mubarak ein Freund Israels sein, wenn sein Geheimdienst, der mich gefoltert hat, mir erklärte, meine Freunde und ich seien zionistische Agenten? 

Wie kam Israels Unterstützung von Mubarak und Suleiman an?
Israels Unterstützung für diesen Diktator hat Leute wie mich wütend gemacht - und uns in eine schwierige Situation gebracht. Wir erzählen die ganze Zeit, dass Israel ein demokratisches und freundliches Land ist. Was sollen wir den Leuten jetzt sagen? Aber auch Israel wird das schaden. Wenn wir jetzt freie Wahlen haben, werden die Leute für antiisraelische Parteien votieren. Ein großes Problem. 

Hat die Revolution Ihrer Meinung nach bereits die Gesellschaft verändert?
Revolutionen verändern Menschen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich ungebildete Menschen auf der Straße sehe, die Demokratie und Menschenrechte fordern. Auf dem Tahrir-Platz gab es keine Trennung von Männern und Frauen. Die meisten Leute haben Dinge erlebt, die sie vorher noch nie erlebt hatten. Und das wird sie verändern.

INTERVIEW: DORIS AKRAP

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